von Ueli Daepp
Scharans im Domleschg. Ein behäbiges Bündnerdorf mit 800 Einwohnern. An diesem stillen Fleckchen Schweiz lebt der 54jährige Liedermacher Linard Bardill. Er hat gerade eine kurze Siesta hinter sich, taucht jetzt die Füsse in den kühlen Dorfbrunnen. Tochter Mevina (5) streicht «füdliblutt» auf dem Dorfplatz herum. Der Papa ist hin und weg, sichtlich fasziniert von der kindlichen Unbefangenheit.
Er selber sei auch «frei aufgewachsen», erzählt er später in seinem rot eingefärbten Betonhaus ohne Fenster und Dach. Das Künstlerhaus direkt neben dem Dorfbrunnen ist für Bardill ein Ort, um sich zurückzuziehen und Ruhe zu finden. Seine Eltern hätten seinen Willen respektiert, erinnert er sich. «Deshalb weiss ich auch, dass es nichts bringt, wenn man ein Kind zu etwas prügelt.»
Der 54-Jährige ist fünffacher Papa. Er hat drei Kinder aus erster Ehe (Casper, 24, Severin, 22, und Luza, 20) und jetzt nochmals zwei kleine Kinder(Liun, 7, und Mevina, 5) mit seiner zweiten Frau, einer Kinesiologin. Das Paar teilt sich die Erwerbsarbeit. Am Wochenende ist er unterwegs an seinen Konzerten. Wochentags macht er den «Hüttenwart», wie er es nennt. Regelmässig geht er mit seinen Kindern schwimmen, mit den Eseln ausreiten oder «z Berg». Die Familie hat ein Au-pair-Mädchen, das im Haushalt und bei der Kinderbetreuung mithilft.
Die Welt, in der unsere Kinder aufwachsen, beschäftigt den Kinderliedermacher. An einem Kinderliederkongress schlug er kürzlich Alarm. Und wies darauf hin, dass «unseren Kindern immer öfter und immer früher die Kindheit abhanden» kommt. Das zeige sich ganz konkret auch daran, dass das Publikum an den Kinderliederkonzerten «immer jünger» werde. «Kaum aus der Kinderspielgruppe werden sie schon von der Erwachsenenwelt, der Musik- und Unterhaltungsindustrie geködert und auf Erwachsen getrimmt.»
Dabei heisse Kindsein doch, in einem geschützten Raum aufwachsen zu dürfen. In einem Raum, wo Fantasie und Unbekümmertheit, Spiel und Kennenlernen der Welt möglich seien, ohne mit den Problemen und den selbstbezogenen Absichten der Erwachsenen wie Kommerz oder Egoproblemen zugeschüttet zu werden. Er spricht von der «Flatscreenisierung» und meint damit das Zumüllen der Kinder durch elektronische Medien. Zu all dem würden Kinder früh der Werbung und einem Heer von pädagogischem Personal ausgesetzt, das die Kinder «anglisiert und dann therapiert, anstatt sie zu erziehen».
Dass solches überhaupt geschehe, habe wohl damit zu tun, dass die Erwachsenen ihr eigenes inneres Kind verdrängen, es vergessen oder verloren haben, mutmasst der Bündner, der als Berufsbezeichung «Liederer» angibt. Er selber möchte seinen eigenen Kindern einen Zugang zur Schönheit und Würde der Erde, der Natur, der Tiere und Pflanzen, der Jahreszeiten und der Kunst ermöglichen.
Wäre er eingeladen worden, eine 1.-August-Rede zu halten, so würde er die Menschen des Vaterlandes Schweiz ganz grundsätzlich dazu aufrufen, wieder zu lernen, «mitenand z'rede» («das, was im Bundesrat im Moment nicht passiert»). Und er würde für Toleranz gegenüber anderen und den Ausländern sprechen. Und bezogen auf unsere Kinder, die viel zu früh um ihre Kindheit beraubt werden, würde er zu Gegenstrategien ermahnen: Freiräume für Kinder schaffen, wo Fantasie und Spiel nicht interessengesteuert sind. Er würde auf die so wichtigen Rituale hinweisen und die Erwachsenen auffordern, Bereitschaft zum Erziehen zu zeigen und den Kindern dadurch Sicherheit und Leitplanken zu geben. Ausserdem: Kinder brauchen Geschichten, Lieder, Theater, Bilder, die anregen, prägen, inspirieren und beflügeln.
Fernsehen und Computer gibts freilich auch im Hause Bardill in Scharans. Doch fernsehen dürfen die Kinder nur, «wenns draussen regnet». Pingu oder so. «Bei uns regnets zum Glück nicht so oft», bemerkt der Kinderliedermacher mit schallendem Lachen. Mutige, eigenständige Wesen, die mag er besonders. So wie seine drei Esel und die Geiss namens Wilhelmine! Von einem mutigen und eigenwilligen Eidgenossen handelt auch sein aktuelles Bühnenprogramm. Das Singspiel handelt von Wilhelm Tell («Nid so schnell, Wilhelm Tell»). «Die Geschichte von Tell ist unheimlich spannend», findet der Liederer und Geschichtenerzähler. «Und zudem ein Mythos von Mut und Freiheit.» Tell sei ein Vorbild, einer, der aus freien Stücken entscheide, der hinstehe, sich für eine Sache einsetze.
«Geschichten sind der Schlüssel zum Geheimnis unserer Erde», sagt er dann noch und wird jetzt unruhig. Draussen warten seine Tochter und der älteste Sohn. Sie haben mit ihrem Papa noch etwas vor. Schliesslich regnets nicht, der «Flatscreen» bleibt ausgeschaltet. . . ■
Linard Bardill in der Region: 31. Juli: Lilibiggs-Kinderkonzerte Urnäsch; 28. August: Speicherschwendi;4. September: Kreuzlingen; 19. September: Oberuzwil. Mehr unter
Keinem – wirklich keinem! Singen ist ein Menschenrecht!
Ich bin kein Fahnenmensch. Aber wenn ich kommerzielle Zwecke wittere, entwickle ich eine Art Gegenkraft. In solchen Momenten würde ich gerne jeweils die Fahne hissen, um zu warnen: «Achtung, Kommerz!»
Auf welchen Schweizer, welche Schweizerin sind Sie besonders stolz?
Henry Dunant, Heinrich Pestalozzi und Bruno Manser – Menschen wie sie symbolisieren für mich die wahre Stärke der Schweiz.
Physisch in den Bergen, psychisch dort, wo sie tolerant ist.
Kleinlichkeit, pinggeliges Chrömle und Zella.
Mit Clown Dimitri. Ich verehre ihn über alles. Mit ihm im Zirkus aufzutreten, das wäre ein Traum.
Für Verkehr und Bauten.
Aktuell müsste man wohl sagen: Alle oder keinen (lacht).
In welchem Punkt sind Sie ein typischer Schweizer?
Mit meiner Kompromissbereitschaft: Statt konfrontieren Lösungen finden.
Eine Schweizer Untugend ist es, immer auf die anderen zu schielen. Wenn ich etwas will, ist es mir egal, was andere sagen und denken. Ich habe wenige Barrieren vor unpopulären Aktionen.
Ich habe ja eine geschrieben! Der Titel: «Dis Land, mis Land.» Die Botschaft lautet: Was man liebt, geht nicht verloren.
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