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Donnerstag, 9. September 2010

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Lupe

Arche Noah für Schweizer Obst

1950 Obstsorten hegen Margrit und Urs Heinzelmann auf ihrem Hof in Roggwil im Auftrag des Bundes, mit dem Ziel, ­alte Sorten zu erhalten. Diese einzigartige Vielfalt zeigt die Familie am 1. August.

von Daniela Huijser

Erdbeerapfel, Julibirne, Berlingerkirsche: 1950 verschiedene Obstsorten stehen in Reih und Glied, 3900 Niederstammbäume – Früchte, so weit das Auge reicht. Während wir mit Urs Heinzelmann durch die weitläufige «Einführungssammlung Riedern» (siehe rechte Seite) schlendern, bemerken auch wir Laien, wie unterschiedlich die Sorten sind. Während der eine Birnbaum schlank in die Höhe wächst, beansprucht sein Nachbar mit den weit ausladenden Ästen deutlich mehr Platz. Grüne Früchte tragen alle Bäumchen – mit einer Ausnahme: Die Julibirne leuchtet schon rot-gelb zwischen den Blättern. «Probieren Sie! Aber nehmen Sie eine gelbe, die rötlichen sind schon etwas matschig», fordert uns der Leiter dieses gigantischen Obstgartens auf. Urs Heinzelmann pflegt die Sammlung mit Sachkenntnis und mit Leidenschaft, sieht sich allerdings nicht als Noah auf der Arche: «Dank dieser Aufgabe habe ich häufiger Kontakt zur Aussenwelt, mein Beruf wird vielseitiger. Denn als Obstbauer ist man oft allein am Arbeiten», erklärt er. «Zudem interessiere ich mich für die alten Sorten und finde es spannend, sie mit neuen zu vergleichen.» Während wir weiter entlang den rund 500 Birnensorten durchs frisch gemähte Gras spazieren, wird uns bewusst, wie eintönig das Birnenangebot im Supermarkt ist, das sich fast ausschliesslich auf «Kaiser Alexander», «Gute Luise» und «Conference» beschränkt. «Diese Früchte wurden früher alle im Oktober reif; heute kann man sie bereits Anfang September ernten. Das bedeutet, dass man den Jahresvorrat an Birnen sechs bis acht Wochen länger kühlen muss, also mehr Kosten hat.» Dank der Einführungssammlung sind nun vier Birnen gefunden worden, die deutlich später reifen. «Für die war das Klima früher zu kalt, die wurden gar nicht mehr reif», erklärt Heinzelmann. In Wädenswil werden diese vier Birnen nun drei Jahre lang einem gründlichen Gesundheitstest unterzogen. «Wenn sie robust genug für die Zucht sind, werden sie aus unseren Stecklingen in Baumschulen vermehrt und an Obstbauern verkauft – in etwa zehn Jahren kann man dann die erste Ernte gewinnen.» So kann man in der Sammlung Sorten entdecken, die früher nicht nützlich waren, heute aber plötzlich gefragt sind.

Gene erhalten

Am 1. August will Heinzelmann mit solchen und weiteren Beispielen einem breiten Publikum zeigen, dass die Generhaltung von Obstsorten Sinn macht. Und dies funktioniert – im Gegensatz etwa zu Getreidesamen – nur mit Bäumen. «Diese enthalten das komplette Erbgut; die Früchte sind wie Kinder und haben – durch die Blütenbestäugung – Gene eines anderen Baumes. Deshalb wächst aus einem Kirschenstein oder Apfelkern kein gleichwertiger Baum», erklärt der Obstbauer. Die Birnbäume der Sammlung basieren alle auf einem Wurzelstock aus Quitten und einer Zwischenveredlung, auf die die jeweilige Sorte aufgepfropft wird. Für niedrige Stämme hat man sich entschieden, weil diese deutlich rascher als Hochstämmer Früchte produzieren.

Traumberuf Bauer

Heinzelmann selbst besitzt auf seinem Land, das direkt an die Sammlung angrenzt, mehrheitlich Hochstämmer. 1986 ist er nach Roggwil gezogen und hat sich mit dem Bauernhof einen Traum erfüllt. Denn schon als Bub wollte der Thurgauer Bauer werden, was seine Familie eher überraschte, denn Heinzelmanns, die ihren Stammbaum bis 1632 zurückverfolgen ­können, waren bis dahin immer Schmiede. «Ich bin in Kümmertshausen gross geworden, und ­dieses Bauerndorf hat mich schon früh geprägt», erzählt der 54-Jährige.

Und die Leidenschaft fürs ­«Puure» hat er bereits seinem Sohn Peter weitervererbt: Er hat sich zum Obstbauern ausgebildet. «Gegenüber der Viehwirtschaft haben wir mehr Freiheiten», meint Heinzelmann, der Wert darauf legt, den Sonntag jeweils streng einzuhalten – um danach wieder die Arbeit aufzunehmen. «Ich musste mich noch nie stossen am Montagmorgen», sagt er mit einem zufriedenen Lachen.

Zu den Freiheiten, die ihm die Arbeit als Obstbauer ermöglicht, gehören auch lange Ferien. Alle paar Jahre reisen Margrit und Urs Heinzelmann in ferne Länder, etwa nach Australien oder Peru. Dieses Jahr blieben sie auf dem Kontinent, bereisten Tschechien – und träumen bereits von der nächsten Reise; aber diese Träume behält Heinzelmann noch für sich. . .n

Tag der offenen ­Obstwiese

Am 1. August von 10 bis 16 Uhr heisst die Familie Heinzelmann Gross und Klein willkommen auf ihrem Hof in Riedern, Roggwil. (Der Weg ist von der Hauptstrasse Roggwil–Neukirch her mit Wegweisern markiert.) Reife Früchte können bei einem Rundgang durch die 1900 verschiedenen Sorten degustiert werden.

www.obstsortensammlung.ch

­Einführungssammlung Riedern/Roggwil

Von 2000 bis 2005 suchte das Bundesamt für Landwirtschaft BLW in der Schweiz systematisch nach alten, seltenen Obstsorten. 1900 dieser Findlinge wurden in die Einführungssammlung Riedern eingepflanzt. Hier werden die Bäume und Früchte beobachtet, mögliche Sortennamen zugeordnet, die Eigenschaften oder die Eignung der Früchte untersucht und die Sorten beschrieben. Diese Aufgabe obliegt David Szalatnay von der Forschungsanstalt Wädenswil. Mit der Errichtung und Betreuung der Sammlung ist der Verein Obstsortensammlung Roggwil vom BLW beauftragt worden. In der Schweiz gibt es noch fünf ähnliche Sammlungen; jene in Roggwil ist jedoch die grösste.

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