von Daniela Huijser
Diva scheints richtig Spass zu machen, wie sie da auf den Schultern ihres Herrchens für die Fotografin posiert und dabei mit wachem Blick die Umgebung beobachtet. Für Sepp Manser gehört dieses «Sättelen», wie es der Fachmann nennt, zwar zum regelmässigen Hundetraining dazu, ins Schwitzen kommt er dabei trotzdem – denn Diva wiegt immerhin gut 35 Kilos. Wenn das eingespielte Team im Einsatz ist, steht die Schäferhündin aber meistens auf eigenen Pfoten. «Sättelen» ist lediglich dann nötig, wenns auf einen Skilift geht oder auf Skiern eine steile Piste hinab bis zum Unglücksort. Denn Diva ist dazu ausgebildet, nach einem Lawinenunglück verschüttete Personen zu finden. Gemeinsam mit Sepp Manser gehört sie zur Lawinenhundeführer-Gruppe Ostschweiz und damit zur Alpinen Rettung Schweiz (siehe rechte Seite); gesamtschweizerisch sind rund 107 ausgebildete Hundeteams im Einsatz.
Erste Hundeerfahrung sammelte Sepp Manser bereits mit fünf Jahren. Damals schenkte ihm sein Grossvater einen Jagdhund. «Er ging mit ihm auf die Jagd, die restliche Zeit gehörte der Hund mir», erzählt Manser. Danach kamen viele hundelose Jahre. Während der Ausbildung zum Koch und den anschliessenden Berufsjahren war seine Lebenssituation nie günstig. «Wer einen Hund besitzen will, muss sesshaft sein und sollte eine Familie haben», sagt Manser. Diesen Grundsätzen folgte der Innerrhoder: 1989 heiratete er, 1991 kaufte er sich seinen ersten Vierbeiner, die deutsche Schäferhündin Thea. Ausgesucht hatte sie Alfred Ulmann für ihn, den Manser als seinen «Ziehvater» beschreibt.
«Als ich ihn kennenlernte, war ich bereits Mitglied der Rettungskolonne Appenzell, doch durch Alfred Ulmann lernte ich die Aufgaben des Rettungshundeführers kennen. Mit ihm und seinem Hund durfte ich jeweils üben, bis ich einen eigenen hatte», erzählt Manser. Mit der jungen Hündin Thea lernte er von Grund auf, wie man mit einem Hund umgeht: «Sie war ein charakterfestes Tier, und das ist wichtig, denn man kann viel falsch machen – allein schon durch die Körperhaltung gegenüber dem Hund», so Manser.
Nach einem Jahr intensiven Trainings – Grundgehorsam und erste Rettungsübungen – gehts für Hund und Herrchen an die erste Prüfung: Verlangt wird unter anderem, dass der Hund in einem 100 mal 100 Meter grossen Feld einen Menschen findet. Ein Jahr danach folgt ein weiterer Ausbildungskurs und wiederum ein Jahr später ein Bestätigungskurs. «Dabei wird nicht nur der Hund geprüft», sagt Manser. «Der Hundeführer muss den Unfallplatz und die Sondiermannschaft leiten können, erste Hilfe sowie diverse Such- und Orientierungsmittel beherrschen.» Rund drei Jahre dauert die gesamte Ausbildung.
Sepp Manser hat diesen Ablauf bis jetzt viermal absolviert: Auf Thea folgten Nuschka, Yolly und Diva, alles deutsche Schäferhündinnen. «Als Yolly überraschend an einer Dickdarmdrehung gestorben war, wollte ich eigentlich keinen Hund mehr. Aber meine Frau und meine beiden Kinder drängten mich, zum Glück.»
Mit seinen Hunden geht der 46-Jährige seit 1994 an Einsätze und hat dabei viel Bewegendes erlebt. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Einsatz auf der Alp Sellamatt, als nach einem Lawinenniedergang eine Frau vermisst wurde. «Das Wetter war schlecht, der Heli konnte nicht fliegen, also fuhren wir Hundeteams mit den Pistenmaschinen zum Unfallort. Im Schneegestöber wurde die Frau nach fünfeinhalb Stunden lebend geborgen!» Das sei wie Weihnachten, sagt Manser und erzählt, dass vor wenigen Tagen einem Kollegen am Fronalpstock eine Lebendbergung gelungen sei.
Nur ein Teil aller Sucheinsätze endet positiv, denn zwischen Unglückszeitpunkt und Eintreffen der Hundeteams verstreichen je nach Anreisestrecke mindestens 30 Minuten. «Bei Stillstand der Lawine leben rund 98 Prozent der Verschütteten, danach ist es eine Frage der Luft, die zur Verfügung steht», erklärt Manser. «Ganz schlimm war eine Suche in den Flumserbergen, als Angehörige darauf drängten, trotz schlechten Wetterverhältnissen einen Verschütteten zu suchen. Der Einsatz wurde am Abend abgebrochen, weil es zu gefährlich wurde; am übernächsten Tag konnte der Mann leider nur noch tot gefunden werden. Und zwei Kollegen kamen ebenfalls in eine Lawine, doch zum Glück wurden sie nur teilverschüttet und überlebten.»
Sepp Manser hat gelernt, die Einsätze aus Distanz zu betrachten. «Bei Erwachsenen gelingt es mir, aber bei jungen Opfern ists sehr happig. . . Wer nur retten will, kommt bei uns nicht auf seine Kosten, üben nimmt den weit grösseren Zeitaufwand in Anspruch. Wichtig ist die Kameradschaft, denn das, was wir machen, ist eine Teamsportart», betont Manser. «Bei uns ist keiner heli- oder einsatzgeil!» Zudem verlangt dieses Hobby sehr viel Engagement; jeden Winter ist Manser mit Diva etwa drei Wochen weg von zuhause, für Trainings und Weiterbildungen.
Dafür ist er im Sommer nie weg: Ab Mitte Mai lebt er mit seiner Frau Gaby wieder auf der Meglisalp, wo Mansers das Berggasthaus führen. Und Diva Sommerferien geniessen kann.n
Die Alpine Rettung Schweiz (ARS), eine Stiftung der beiden Rettungspartner Schweizer Alpen-Club SAC und Rega, bezweckt, in Not geratenen und hilfsbedürftigen Menschen zu helfen. Sie befasst sich insbesondere mit dem Rettungswesen und der Notfallhilfe an verunfallten oder erkrankten Menschen im alpinen, voralpinen und schwer zugänglichen Gebiet der Schweiz und dem angrenzenden Ausland. Eine Sektion der ARS ist die Alpine Rettungskolonne Appenzell, die dieses Jahr ihren hundertsten Geburtstag mit einem vielfältigen Festprogramm feiert und der auch Sepp Manser und Diva angehören.
Weitere Infos, auch über die genauen Aufnahmebedingungen für Rettungshundeteams, sind zu finden unter www.alpinerettung.ch
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