anzeiger

Freitag, 30. Juli 2010

Artikel-Anzeige

picture/72/02-knigge-haupt_72867_72578.jpg

Lupe

Moritz Freiherr Knigge

Respekt

ist wichtiger als gute Manieren

Manieren sind nicht das Wichtigste im Umgang miteinander. Viel bedeutender sei gegenseitiger Respekt, sagt Moritz Freiherr Knigge. Über die Wertschätzung spricht er am Wirtschaftsforum in Widnau.

von Daniela Huijser

anzeiger: Herr Knigge, wer hat ­Ihnen Manieren beigebracht?

Moritz Freiherr Knigge: Die meisten Menschen gehen wahrscheinlich davon aus, dass ich aus einem wahnsinnig strengen Elternhaus komme, in dem mir schon früh irgendwelche Regeln eingedrillt worden sind. Doch das war überhaupt nicht so. Manieren und Moral hängen ganz dicht zusammen, wichtig sind also ­eine sehr wertschätzende Erziehung und ein positives Vorbild. Das grosse Problem, das ich mit ­Manieren habe, ist, dass sie von den meisten Menschen auf Regeln heruntergebrochen werden. Das ist meiner Ansicht nach verantwortungslos, weil sich das ­Leben nicht mit Regeln abbilden lässt. Man muss sich immer vor Augen halten: Mit wem gehe ich gerade um, was ist vernünftig und angenehm für beide Seiten? Was wiederum diverse Etiketten legitimiert. Es hat ja seinen Grund, weshalb ich nicht schmatze oder mit vollem Mund rede: Es wäre für mein Gegenüber unangenehm und unschön. Wer sich jedoch an Umgangsformen hält, und so glaubt, zur Etiketten-Liga zu gehören, ist meiner Meinung nach arrogant und nicht besonders klug.

anzeiger: Sie haben solche Etiketten bei Ihren Eltern abgeschaut?

Freiherr Knigge: Ja. Und natürlich ist mir auch mal gesagt worden, ich solle die Ellbogen vom Tisch nehmen… Ich habe viel gelernt durch positive Vorbilder. Mir wurde der Respekt vor anderen Menschen beigebracht. Aus diesem Grund halte ich jemandem die Türe auf, und nicht bloss, weil es sich so gehört.

anzeiger: Umgangsformen wechseln, Neues kommt hinzu, anderes wirkt veraltet. Was ist Ihnen diesbezüglich besonders aufgefallen?

Freiherr Knigge: Konventionen sind ständig im Wandel. Zum Beispiel die Begrüssung. Hier gibts einen schönen Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz. In der Schweiz begrüsst man sich ja häufig mit drei Küssen, sogar unter Menschen, die sich nicht gut kennen. In Deutschland ist dies noch nicht so, wird aber immer häufiger gesehen. Ich umarme gute Freunde und küsse meine besten Freunde auch. Das hätte mein Vater nie getan, das war damals nicht üblich.

anzeiger: Was läuft heute nicht mehr so gut wie früher?

Freiherr Knigge: Wenn ich heute Fernsehen schaue, fällt mir dieses Gebot der Ehrlichkeit auf: «Ich bin immer authentisch!» Ich nenn diesen Individualismus die «Bohlen-Ehrlichkeit». Menschen werden verletzt, doch Dieter Bohlen sagt, er sei ja bloss ehrlich. Das finde ich schade. Man sollte zwar nicht lügen, aber man kann zu Menschen auch wertschätzend ehrlich sein. Baltasar Gracián hat in seinem Buch «Handorakel und Kunst der Weltklugheit» (Verlag Kröner) gesagt: Lüge nie, aber lerne die Kunst der Wahrheit.

anzeiger: Wie reagieren Menschen, die Ihnen zum erstenmal ­begegnen, beispielsweise als Gastgeber?

Freiherr Knigge: Ich höre immer mal wieder die Aussage: «Wenn ich mit einem Knigge zusammensitze, muss ich mich ja besonders gut benehmen.» Worauf ich dann jeweils antworte, «ich hoffe, das machen Sie nicht nur, wenn ich dabei bin». Aber ich bin ein lockerer, toleranter Typ und nehme anderen schnell ihre Unsicherheit.

anzeiger: Am Rheintaler Wirtschaftsforum sprechen Sie am Freitag über die Wertschätzung. Seit wann ist dies überhaupt ein Thema?

Freiherr Knigge: Seit den alten Griechen. Auch bei meinem berühmten Vorfahren, der ein Aufklärer war, ging es um die Verbindung zwischen Moral und Verhalten. Menschen menschlich zu behandeln, war damals schon ein ganz wichtiges Thema.

anzeiger: Es ist aber notwendig Wertschätzung als Referat- oder Workshop-Thema anzubieten. Also mangelt es in der heutigen Zeit daran?

Freiherr Knigge: Das war immer so, es liegt in der Natur des Menschen. Adam Smith, der als Erfinder des Kapitalismus gilt, sagte bereits, dass die Triebfeder des Menschen der «wohlverstandene Eigennutz» sei. Die Frage ist nur, wie koste ich diesen Eigennutz aus. Es ist klug, diesen Eigennutz in ein richtiges Verhältnis zu setzen. Also auch den Eigennutz des anderen Menschen anzuerkennen. Neudeutsch wäre das eine Win-win-Situation. Unser Pro­blem ist der überbordende Individualismus, durch den man seine Mitmenschen oftmals gar nicht richtig wahrnimmt. Ich halte den Menschen aber im Grunde für ein positives Wesen.

anzeiger: Man kann also Wertschätzung lernen?

Freiherr Knigge: Ich glaube schon, nämlich durch Reflexion, durch Bewusstmachung. Es ist jedoch so, dass Menschen etwas Fehlendes, Negatives, häufig nicht bei sich sehen, sondern nur bei anderen. Vor ein paar Jahren gabs in Deutschland eine Umfrage zum Thema Höflichkeit und 90 Prozent aller Deutschen wünschten sich mehr Höflichkeit… Jeder setzt sich also gern einen Heiligenschein auf. Dabei sollte man einfach überlegen, was man selbst als Person zum wertschätzenden, höflichen Umgang beitragen kann.

anzeiger: Wie verinnerlicht man den wertschätzenden Umgang mit seinen Mitmenschen?

Freiherr Knigge: Üben, üben, üben. Versuchen, immer besser zu werden. Also nach dem Vollkommenen zu streben. Und dann wird er ein Teil der Persönlichkeit und man muss gar nicht mehr gross darüber nachdenken.

anzeiger: Woran arbeiten Sie an sich persönlich denn noch?

Freiherr Knigge: An meiner Aufmerksamkeit. Auch ich habe mal einen schlechten Tag; es kann geschehen, dass ich überreagiere. Aber ich bin von Natur her ein relativ gelassener Mensch und da fällt mir eine Überreaktion auch rasch auf, und ich entschuldige mich. Vielen Menschen fällt das aber nicht auf, und hier liegt das Problem. Man muss ein bisschen Empathie üben, schauen, was beim Gegenüber gerade los ist. Und nicht glauben, man mache immer alles richtig. Wenn etwas schief läuft, ist fast nie nur eine Seite schuld. Kommunikation ist fast immer ein Gemeinschaftsprojekt.n

Lesen Sie das ausführliche Interview mit Moritz Freiherr Knigge auf www.anzeiger.biz/interview. Infos: www. freiherr-knigge.de. Und zum Rhein­taler Wirtschaftsforum: www.wifo.ch

Wie interessant ist dieser Artikel für Sie?

sehr interessant

gar nicht interessant


 

Weitere Artikel

Arche Noah für Schweizer Obst

1950 Obstsorten hegen Margrit und Urs Heinzelmann auf ihrem Hof in Roggwil im Auftrag des Bundes, mit dem Ziel, ­alte Sorten zu erhalten. Diese einzigartige Vielfalt zeigt die Familie am 1.?August.


Leiden für den Königstitel

Den zweiten Königstitel am Eidgenössischen in Frauenfeld zu erschwingen ist das grosse Ziel von Forrer Nöldi. Davon lässt er sich auch nicht durch seine schwere Verletzung abbringen.


Einer wie Wilhelm Tell

«Unseren Kindern», so warnt Linard Bardill, «kommt immer früher die Kindheit abhanden.» Der Schweizer Liedermacher fordert: Geschichten statt Games, Fantasie statt Flatscreen. Am 31. Juli erzählt und singt er in Urnäsch von einem, der den Mut hatte, den eigenen Weg zu gehen: Wilhelm Tell.


Werbung - Externer Verweis

Werbung - Externer Verweis

Werbung - Externer Verweis

Werbung - Externer Verweis

anzeiger - eine Publikation der Tagblatt Medien - Fürstenlandstrasse 122 - 9001 St.Gallen - anzeiger@anzeiger.biz