Gesprächsleitung: Daniela Huijser und Ueli Daepp
anzeiger: Herr Alimi, Sie sind Imam in Wil. Wofür haben Sie heute in Ihrer Moschee gebetet?
Bekim Alimi: Für menschliche Gerechtigkeit auf der Welt. Wir beten in unserer Moschee fünfmal am Tag. Als Imam leite ich diese Gebete normalerweise.
anzeiger: Beten Sie, dass die Minarett-Initiative abgelehnt wird?
Alimi: Unbedingt. Der Ausgang dieser Abstimmung betrifft uns als Muslime sehr.
anzeiger: Herr Reimann, haben Sie heute auch gebetet?
Reimann: Ich bin gläubiger Katholik, finde aber, dass man Volksabstimmungen nicht mit Gebeten, sondern mit guten Argumenten gewinnen sollte.
anzeiger: Herr Alimi, welche Bedeutung haben Minarette für Sie?
Alimi: Für uns ist das Minarett hier in der Schweiz nur ein Symbol. Ein Zeichen, dass dieses Gebetshaus ein besonderes Gebäude ist. Es ist auch ein Zeichen für Integration: Das Minarett erzählt Passanten, dass es in dieser Stadt auch eine Gruppe von Andersgläubigen gibt.
anzeiger: Die meisten Moscheen in der Schweiz haben kein Minarett. Warum brauchts diese Gebetstürme nun plötzlich?
Alimi: Weil das Minarett ein Symbol für uns ist. Wir möchten uns als Muslime – nach all unseren Tätigkeiten und Integrationsbemühungen – nicht verstecken müssen.
anzeiger: Warum haben Sie Angst vor Minaretten, Herr Reimann?
Reimann: Ich habe keine Angst, aber ich bin gegen Minarette. . .
anzeiger: . . .aber das SVP-Plakat schürt die Angst. . .
Reimann: . . .das Plakat zeigt nicht Angst, sondern die Realität. Aber zurück zu dem, was Herr Alimi sagt. Er sagt, ein Minarett sei ein Symbol. Genau darum gehts! Ein Minarett ist ein Symbol, ein Zeichen von Macht des Islams und wird nicht benötigt, um die Religion auszuüben. Ein Moslem, der fortschrittlich und gut integriert ist, fordert hier in der Schweiz kein Minarett. Er braucht es nicht und will damit nicht die Schweizer Bevölkerung provozieren.
Alimi: Sagen Sie mir einmal, Herr Reimann, welche Macht kann ein zweieinhalb Meter hoher Turm mit 50 Zentimetern Durchmesser ausüben? Und welche Macht könnten die fünf Prozent Moslems in der Schweiz gegenüber den 95 Prozent Christen zeigen? Ich kann Ihre Bedenken nicht verstehen!
Reimann: Die Macht der Muslime in unserem Land nimmt zu: 1970 hatten wir 16 300 Muslime, jetzt sinds bald 500 000. Die Hälfte davon ist unter 25jährig. Das heisst, die Zahl der Muslime wird in Zukunft noch sehr stark zunehmen. Da ist der Staat gefordert, klare Regeln zu schaffen für den Umgang und die Integration mit Menschen aus muslimischen Staaten. Ein Minarett steht nicht einfach nur da. Es ist ein Rufturm, hat also eine klare Funktion. Die Funktion ist, dass ein Muezzin hinunterrufen kann. Das sehen Sie in vielen anderen Ländern: Kaum sind ein paar Jahre nach dem Bau vergangen, kam die Forderung, man wolle auch den Ruf des Muezzin. Im deutschen Rheinfelden wurden plötzlich ohne Bewilligung Lautsprecher installiert.
Alimi: Ich bin nicht einverstanden mit dem, was Sie sagen. Wir haben seit über 40 Jahren Minarette in der Schweiz – in Genf und Zürich. Und seit 40 Jahren ist da kein Muezzin daraufgekommen, zum Gebet zu rufen. Wir haben uns auf jegliche Arten verpflichtet und bereit erklärt, dass wir in Wil und auch anderswo in der Schweiz keinen Gebetsruf brauchen. Das wäre kontraproduktiv, und das brauchen wir nicht. Sie müssen sich vorstellen: Die Muslime, die in Wil wohnen, wohnen in verschiedenen Teilen der Stadt – was für ein Ruf müsste das sein, den alle Moslems hören können. . .?
anzeiger: Den Gebetsruf vom Minarett wirds also definitiv nicht geben?
Alimi: Nie! Das können wir heute und auch für immer vergessen. Wir brauchen das nicht. Heutzutage kann sich jeder seine Gebetszeiten per SMS aufs Handy senden lassen.
anzeiger: Beruhigt Sie das, Herr Reimann?
Reimann: Überhaupt nicht! Die Vergangenheit hats ja gezeigt: Am Anfang wurde überall viel versprochen, sonst wären die Minarette gar nicht bewilligt worden. Heute leiden viele Städte in Deutschland oder Holland unter den Rufen der Muezzin.Wenn wir jetzt den Bau von Minaretten bewilligen, dann müssen wir danach auch den Muezzin zulassen. Da gehts dann auch um falsch verstandene Religionsfreiheit.
anzeiger: Herr Reimann, was haben Sie persönlich für prägende Erfahrungen gemacht mit Moslems?
Reimann: Ich bin gemeinsam mit Moslems zur Schule gegangen. Und ich kenne viele junge Moslems. Die meisten sagen mir: Wir benötigen kein Minarett! Sie sind froh darüber, dass sie hier in Europa mehr Freiheitsrechte geniessen. Gerade die jungen Frauen! Sie haben mehr Gleichberechtigung als in islamischen Staaten. Sie befürchten, diese Rechte durch die schleichende Islamisierung zu verlieren. Ich wette mit Herrn Alimi: Wenn wir auf die Strasse gehen und zehn Moslems fragen, ob sie ein Minarett brauchen, wird die Hälfte «nein» sagen. Gut integrierte Leute brauchen kein Minarett. Es geht uns auch darum, Parallelgesellschaften zu verhindern. Ich betrachte die Moslems als grosse Herausforderung des Westens. Weil die Integration mit den Muslimen einfach schlechter funktioniert. Sie haben ein deutlich anderes Kulturverständnis als wir.
Alimi: Wir haben Statistiken, die belegen, dass die Integration der Muslime in der Schweiz viel besser klappt als in allen umliegenden Ländern. Herr Reimann redet die ganze Zeit von Integration. Wir haben ihn schon mehrmals eingeladen, in unsere Wiler Moschee zu kommen. Aber er hat uns noch nie besucht. Wir haben den Kontakt immer gesucht, haben uns um Integration bemüht; es stört mich, dass er unsere Integrationsbemühungen nicht sehen will.
anzeiger: In der Schweiz besteht ein wachsendes Unbehagen gegenüber den Muslimen. Ist die SVP daran schuld?
Alimi: Ich kann nicht über die gesamte SVP urteilen – dort gibt es bestimmt Menschen mit unterschiedlichen Meinungen. Es gibt aber sicher auch Angstmacher in dieser Partei. Wir Muslime in der Schweiz sehen im Moment zweierlei Bedrohungen: Einerseits sind das die Terroristen und Fundamentalisten aus den eigenen Reihen, die etwas Schlimmes machen könnten. Die andere Angst haben wir vor der SVP. Sie ist eine so starke politische Partei, die so viel Macht hat mit ihren Werbekampagnen, dass es schon Angst machen kann.
anzeiger: Herr Reimann, obwohl es nur ums Minarett geht in der Volksabstimmung, hat die SVP eine grosse Polemik um den Islam losgetreten. Wie fühlen Sie sich dabei?
Reimann: Diese Debatte war überfällig! Es war unter anderem ein Ziel der Minarett-Initiative, dass man über die Folgen der Islamisierung auch mal offen und breit diskutiert in der Schweiz. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit dem Islam, lese den Koran, islamische Literatur. Der Koran liest sich wie eine Kampfschrift. Der Islam breitet sich in Europa stark aus. Ich betrachte die Islamisierung als grösste Gefahr für die Zukunft von Europa. Es entstehen Parallelgesellschaften mit eigenen Quartieren, Gesetzen und Extremisten. In Deutschland gibt es bald in jeder Kleinstadt ein Minarett. Die Regierungen haben Angst, passen sich an. Das kommt auch auf uns zu. Mit der Initiative sagen wir: «bis hierhin und nicht weiter!» Das Problem des Islams ist, dass er Politik, Staat, Religion nicht trennt, er umfasst alle Lebensbereiche. Dieses System gerät in Widerspruch zu unserer Verfassung, zu unseren Grundwerten: direkte Demokratie, Freiheitsrecht, Gleichheit zwischen Mann und Frau!
Alimi: Die Muslime respektieren die Bundesverfassung.
Reimann: Welche Muslime?
Alimi: Ich zum Beispiel.
Reimann: Ihnen glaube ich das, aber Studien der Regierungen aus Deutschland, England und Frankreich belegen das Gegenteil. . .
Alimi: Seit 1965, seit die ersten Muslime in die Schweiz kamen, haben sie sich immer verfassungskonform verhalten.
Reimann: Längst nicht alle! Ich kann Ihnen hunderte Beispiele aufzählen, wo es nicht so war. Ein Imam, der die Steinigung fordert und in der Schweiz eingebürgert ist, zum Beispiel – so etwas geht einfach nicht!
Alimi: Gott sei Dank, dieser Imam ist nicht mehr da! Genau dafür gibts ein Rechtssystem mit Polizei und Behörden, die solche Einzelverstösse ahnden.
anzeiger: In der Minarett-Initiative gehts ja eigentlich nur «um ein paar Türmchen». Und für solches gibts ja in der Schweiz die Baugesetze. Herr Reimann, Ihre SVP ist für den Föderalismus. Warum soll nun unser föderalistisches System nicht ausreichen?
Reimann: Wir habens versucht, zuerst im Gemeindeparlament, dann im Kantonsrat. Die Behörden hörten uns nicht. Deshalb diese eidgenössische Initiative.
anzeiger: Herr Reimann, was passiert, wenn die Initiative abgelehnt wird?
Reimann: Das wäre ein schwerer Schlag. In Wil und in vielen anderen Städten würden diese Türme gebaut, ein weiterer Schritt hin zu Verhältnissen wie in Frankreich, England oder Deutschland.
anzeiger: Herr Alimi, was passiert, wenn das Volk «Ja zum Minarettverbot» sagt?
Alimi: Dann haben wir ein Gesetz und handeln danach.
anzeiger: Muss man in der Schweiz damit rechnen, dass eine wütende Gemeinschaft von Muslimen sich rächen wird?
Alimi: Nein, auf keinen Fall! Meine Befürchtung ist aber, dass unsere ganzen Integrationsbemühungen umsonst waren. Dass Muslime ausgeschlossen werden. Das gibt dann wiederum Stoff für die SVP – sie kann dann wieder eine Volksinitiative machen gegen die, die nicht mehr motiviert sind zum Arbeiten.
anzeiger: Herr Alimi, was ist für Sie das Schöne am Islam?
Alimi: Die Offenheit. Und dass der Islam sich an allen Orten der Welt anpassen kann. So wie Sie mich jetzt vor sich sehen: Ich trage eine kroatische Krawatte, habe Arabisch studiert, trage einen Anzug, spreche Deutsch – und bin Albaner aus Mazedonien. ■
Bekim Alimi (36), Gegner der Minarett-Initiative, wohnt und arbeitet in Wil. Der verheiratete Vater zweier Kinder ist seit zehn Jahren in Wil als Imam (islamischer Vorbeter) tätig. Er stammt aus Mazedonien.
Lukas Reimann (27), Befürworter der Minarett-Initiative, wohnt in Wil, studiert Rechtswissenschaften, politisiert seit 2007
für die SVP im Nationalrat.
Bevor sie im Oktober für ein halbes Jahr nach London verreist, geht Jaël mit Lunik auf Clubtour ? und sie zeigt uns ihr Bern. Ihr Nest, in das sie zwischen den immer grösseren Höhenflügen ihrer Band gerne zurückkehrt.
Mit ihm kann man einen Anlass nicht nur verschönern, er macht sich auch als Kommunikator gut: etwa als Festredner auf dem Rütli, demnächst als Moderator des BBC Opens Gossau ? und als gewitzter Gesprächspartner.




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