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Detektivin der Vergangenheit


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Regula Steinhauser hat bereits Tausende von Fundstücken im Labor untersucht.



Die St. Galler Archäologin Regula Steinhauser macht sich bei Grabungen gerne die Hände schmutzig, und auch privat ist die 59-Jährige für jedes Abenteuer zu haben. Damit macht sie Indiana Jones alle Ehre.

Desirée Müller/Bilder: Mareycke Frehner

Das Leben von Regula Steinhauser ist die perfekte Vorlage für einen Abenteuerroman. Sie klärte gemeinsam mit Pathologen und Rechtsmedizinern einen vor 900 Jahren stattgefundenen Mord auf, half den Sarkophag vom St. Galler Klosterhof zu bergen und zu öffnen und reiste kürzlich zusammen mit einer Freundin per Landcruiser durch den nördlichen Oman – auf der Suche nach unentdeckten Felsbildern. Im Gepäck lediglich Zelt, Schlafsack und Dosennudeln. 


«Mein Beruf ist ein Puzzle»


Natürlich verläuft nicht jeder Tag so abenteuerlich. «Mein Beruf ist aber definitiv sehr abwechslungsreich», erzählt die stellvertretende St. Galler Kantonsarchäologin. Heute sei sie Detektivin, morgen kläre sie Rechtsfälle auf. Am Tag darauf steht die 59-Jährige in einer tiefen Baugrube auf der Suche nach verborgenen Schätzen und dann wieder im weissen Kittel im Labor. 


Eines kommt der schlagfertigen Archäologin in ihrem Job zugute: «Ich habe ein Schubladen-Gedächtnis», erzählt Regula Steinhauser. Fakten, die sie vor Jahrzehnten gelernt hatte, kann sie einfach wieder hervorrufen. «Das hat mir mein Vater vererbt», ist sie überzeugt. Findet sie bei einer Grabung eine antike Keramikscherbe, reicht es oft, die Augen zu schliessen und die Scherbe zwischen den Fingern hin und her zu bewegen. «Falls ich das gleiche Material schon mal gefühlt habe, erinnere ich mich daran», erklärt die zweifache Mutter. Danach wisse sie zumindest, in welche Epoche sie den Fund einordnen kann. Auch sei eine gewisse Interpretationsfreiheit gefragt. «Bei Oberriet zum Beispiel wurde ein Felsdach über 8000 Jahre lang als schützender Unterstand genutzt», beginnt sie. Die Menschen hinterliessen in dieser Zeit über 3000 Keramikscherben. Hier brauche es ein grosses Wissen über die damalige Lebensweise der Menschen sowie Erfahrungswerte. «Handelt es sich um ‹Picknick›-Geschirr von rastenden Hirten oder könnten einige der Gefässe rein von der Verarbeitung her von Kindern hergestellt worden sein?», zählt Regula Steinhauser mögliche Fragestellungen auf, die es zu prüfen gilt. Ihr Beruf sei ein riesiges Puzzle. «Man kann alles brauchen, was man je gelernt und gesehen hat. Teile finden vielleicht Jahre später zusammen oder ein Fund macht plötzlich Sinn».


75 000 Funde werden gepflegt 


Die verschiedenen Objekte werden bis zur Auswertung oder Ausstellung, zum Beispiel im Historischen und Völkerkundemuseum in St. Gallen, bei der Kantonsarchäologie gelagert: von Knochensplittern über Schlüssel aus dem Spätmittelalter bis zu römischen Keramikbrennöfen. Im Laborraum werden neue Funde von Regula Steinhauser und ihren Mitarbeitenden gereinigt, beschriftet und mit einer Archivnummer versehen. Alle Objekte werden dazu digital in einer Datenbank erfasst und können bei Bedarf schnell im Lager gefunden werden. Danach beginnt die zeitintensive, aber umso spannendere Arbeit: das Untersuchen und Bestimmen der Funde. Nur ein sehr kleiner Teil kann schliesslich ausgestellt werden. 


Im Eingangsbereich der Abteilung Kantonsarchäologie an der Rorschacher Strasse stapeln sich über zwanzig stabile Plastikboxen. «Alles neue Funde», erklärt Regula Steinhauser und zieht eine Augenbraue hoch. Viel Arbeit wartet auf das kleine Team. «Das Schöne an der Archäologie ist, dass wir auch aus alten Funden immer wieder neue Erkenntnisse gewinnen können, wenn wir sie mit neuem Wissen anschauen». Sie ist drei bis vier Tage die Woche in St. Gallen. Die restliche Zeit verbringt sie mit selbstständigen Beratungsmandaten, dem Schreiben von Publikationen oder beim Vorbereiten von Referaten. Das Wissen von Regula Steinhauser ist gefragt.


Noch lange nicht Schluss 


Mit ihrer Erfahrung und ihren Verbindungen könnte Regula Steinhauser überall auf der Welt arbeiten. Doch sie hat sich bewusst für den Kanton St. Gallen entschieden. Während des Studiums verbrachte sie ein Auslandjahr in Deutschland, doch es zog sie zurück in die Ostschweiz. «Das Bodensee­rheintal war ein Verkehrsweg in prähistorischen Epochen», erklärt Regula Steinhauser. Das Tal öffnet sich nach Norden zum Bodensee hin und führt nach Süden auf verschiedenen Passwegen nach Norditalien. «Somit war das Rheintal schon immer ein wichtiger Durchgang durch die Alpen; hier haben sich Menschen aus allen Himmelsrichtungen getroffen», ergänzt sie. 


In vier Jahren ist die Archäologin im Pensionsalter. Doch Regula Steinhauser denkt noch nicht über ein Leben nach dem Job nach. «So lange mir mein Beruf so viel Spass macht, bleibe ich dabei», verspricht sie.


TIPP


Die Sonderausstellung zum 50-Jahr-Jubiläum wird bis zum 24. September verlängert. 
 Mehr Infos auf www.hmsg.ch



 

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