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Wenn die Musik erklingt, geht die Sonne auf


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In den 30 Jahren seiner Karriere hat sich Pippo Pollina still und leise hochge­arbeitet. Mittlerweile kann der Liedermacher auf eine treue Fangemeinde zählen.



Nach einer längeren Konzertpause meldet sich Liedermacher Pippo Pollina mit einem neuen Album zurück. Darin besingt der 53-Jährige die Hoffnung in turbulenten Zeiten. 


Christoph Sulser/Bilder: Mareycke Frehner

Pippo Pollina streckt die Hand in die Luft, dreht leicht seinen Kopf, die Band hört auf zu spielen. Auf Italienisch gibt der Cantautore seinen Musikern Anweisungen. Danach wird das Stück erneut angestimmt, diesmal etwas flotter im Tempo. 


Als wir den Liedermacher und Musiker zum Interview treffen, probt der am 18. Mai 1963 in Palermo geborene Giuseppe «Pippo» Pollina gerade für das anstehende Konzert. Beim Eintreffen fragt uns der 53jährige Sohn eines Anwalts höflich, ob es okay sei, wenn er und die Bandmitglieder vor dem Interview noch etwas weiterproben. «Selbstverständlich», sagen wir, setzen uns hin und lauschen der Musik. 


anzeiger: Pippo Pollina, Sie haben sich eine Auszeit von eineinhalb Jahren gegönnt. Unter anderem wollten Sie einen Marathon laufen. Hat das geklappt?


Pippo Pollina: Nein, das habe ich nicht geschafft. Ich habe mir das wirklich vorgenommen, auch lange trainiert, aber nach 20 Kilometer Laufen ist mein Körper schon an die Grenze gekommen. Da habe ich auf meinen Körper gehört.

War es auch eine Auszeit von der Musik?


Absolut, ich habe Monate lang kein Instrument mehr gespielt, ich wollte sehen, wie das ist – mein Leben ohne Musik – und es war gut. In mir drinnen ist dafür in dieser Zeit musikalisch sehr viel gewachsen, auch die Lieder für mein neues Album.


Das Album heisst «Il sole che verrà» – auf Deutsch «Die Sonne wird kommen». Was bedeutet der Titel?


Das Album thematisiert die Hoffnung, die wir pflegen müssen. Heute mehr denn je in einer Zeit, wo die Orientierung verloren geht. Einen Grund dafür sehe ich in den Nachrichten, die ständig aus aller Welt kommen und uns kaum Zeit lassen, ein Thema tiefer zu betrachten. Die digitale Welt bombardiert uns mit Neuigkeiten, die kurz nach Veröffentlichung schon wieder veraltet sind.


Sie waren in Italien selbst als Journalist tätig und auch politisch aktiv. War das Politische auch ein Antrieb für Ihre Musik?


Nur teilweise. Im Journalismus hat man eine direkte Sprache, als Musiker eine indirekte. Wir können Metaphern benutzen und mit Symbolen arbeiten. Mit Poesie schafft es der Musiker nicht nur den Kopf, sondern auch die Herzen der Menschen zu berühren. 


Ihre Karriere dauert nun schon 30 Jahre. Was treibt Sie an?


«Ich singe, weil ich ein Lied habe», um das schöne Musikstück von Konstantin Wecker zu zitieren. Ich musiziere, weil ich die Musik in mir drin habe. Wenn ich damit erfolgreich bin, ist das schön und mir willkommen, aber mein Hauptziel ist, den künstlerischen Durst, der in mir steckt, zu befriedigen.


Sie haben Ihre Karriere als Strassenmusiker begonnen. Was haben Sie in dieser Zeit fürs Leben gelernt?


Den Moment zu erleben. Du spielst an einer Strassenecke und musst in der Lage sein, in dem Moment, wenn die Leute an dir vorbeilaufen, zu begeistern. So, dass sie für fünf Sekunden stehen bleiben. Aus diesen fünf Sekunden werden dann fünf Minuten. Der Moment schafft diese Magie. Als Strassenmusikant habe ich ausserdem einige der wichtigsten Personen in meinem Leben kennen gelernt.


Linard Bardill war eine davon.


Ja, denn Linard hat letztendlich mein Leben verändert, weil ich durch ihn in der Schweiz geblieben bin. Sonst wäre ich auf meiner Reise weitergegangen, wer weiss, wohin.


Ist die Beziehung zum Bündner Liedermacher auch der Grund, dass ihre Tournéen traditionell immer in Chur beginnen? 


Ja. In Chur fand vor 30 Jahren die Premiere von Linards Programm statt, bei dem ich das erste Mal mitgemacht habe. Ich fühle mich auch mit Graubünden verbunden, da dort viele Leute italienisch sprechen.


Als Sie damals in die Schweiz kamen, war die Beziehung zu Ihrem Mutterland angespannt. Sie sagten einmal, es gibt dort keine lebendige Kultur mehr. Wie sehen Sie das heute?


Italien wurde ruiniert. In den 1980er-Jahren ist Italien in einen Selbstmordprozess hineingeraten. Und Berlusconi – durch seine Medienmacht und durch die Werte, die er verbreitet hat – war der letzte Schlag für das Land. Es dauert sicher noch 20 bis 30 Jahre, bis sich Italien wieder erholt und eine neue Generation von Kulturschaffenden hervorgebracht hat.


Ihre beiden Kinder machen ebenfalls Musik. Ihr Sohn als «Faber» und Ihre Tochter bei «Steiner & Madlaina». Macht Sie das stolz?


Ich bin sehr glücklich, dass mein Sohn und meine Tochter die Musik als Ausdrucksmittel nutzen und damit auch Erfolg haben. Ich erinnere mich gerne daran, wie die ganze Familie früher am Küchentisch sass. Nach dem Essen wurde die Gitarre herumgereicht und jeder hat seine Lieder gesungen, während die anderen zugehört haben. Das war eine schöne Zeit.


Pippo Pollina ist in Palermo aufgewachsen, wo er Musik machte, Jus studierte und für eine Monatszeitschrift schrieb, die sich gegen die Macht der Mafia engagierte. Nach der Ermordung des Redaktionsleiters durch die Cosa Nostra unterbrach Pollina alle Aktivitäten und verliess Sizilien, um als Strassenmusiker durch Europa zu reisen. In der Fussgängerzone von Luzern wurde er vom Bündner Liedermacher Linard Bardill entdeckt, gemeinsame Konzerte folgten. Pippo Pollina lebt mit seiner Frau Christina in Zürich und hat zwei Kinder, Julian (23) und Madlaina (20).


TIPP


Am Samstag, 18. März, spielt Pippo Pollina in der Tonhalle St. Gallen.
 Mehr Infos auf www.pippopollina.com



 

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